Detlef Lübcke - OZ vom 22./23. August 2015

Vogelschwärme in Hessenburg

Vogelschwärme in Hessenburg
Der Artikel im Detail

Hessenburg – Heute wird ein neuer Raum im Kranich-Museum des alten Gutshauses in Hessenburg bei Barth eröffnet. „Folded Murmur – Starenschwarm, gefaltet“ hat der US-amerikanische Künstler Alex Schweder seine monumentale Installation betitelt.

40 Minuten lang kann sie der Museumsbesucher auf sich wirken lassen. „Ein geradezu meditatives Eintauchen in die Himmelsszene riesiger Starenschwärme, die nach eigenen Gesetzen über die vier unter die Decke gespannten Leinwändehuschen, herabstürzen, sich in unzählige flirrende Tupfen in einer luftigen Ferne auflösen“, beschreibt
Schweder seine Installation. Dann komme lange nichts und schließlich wieder das unbändige Hin und Her der Millionen Stare. „Plötzlich huschen ganz nah nur zwei, drei Stare vorbei, deutlich erkennbar wie im Schattenriss, und schon verschwunden“, sagt Schweder.

Es ist ein spannungsreiches, fast hypnotisch wirkendes, dreidimensionales fotografisches Kunstwerk, dem ein sehr eigenwilliger Soundtrack beigegeben ist.

„Die Kamera wurde in einer einzigen Einstellung belassen und das Filmmaterial blieb unbearbeitet“, erklärt der Künstler. Durch das Auffalten des einen Films, der die vier, auf Rahmen zu einem Kubus unter die Decke montierten Projektionsflächen bespielt, wird das Naturschauspiel verfremdet und in ein Kunstwerk verwandelt. Der Besucher kann es unter dem Kubus stehend an seinen Innenseiten erleben oder außen, indem er um den Kubus herum geht.

Dieses filmische Kunstwerk hat Alex Schweder bei langsam einfallender Dunkelheit am Himmel über Rom aufgenommen. Von 2005 bis 2006 lebte und arbeitete er zusammen mit anderen namhaften Künstlern, die gleich ihm diese Auszeichnung gewonnen hatten, in der American Academy of Rome.

Assistiert wurde Schweder bei seiner Aufnahme von Richard Barnes, einem international erfolgreichen Naturfotografen, bekannt unter anderem durch seine Fotos in der Zeitschrift „National Geographic“. Von ihm stammen die Vogelszenen aus großer Entfernung.

Der dritte Künstler, gleichfalls Stipendiat an der American Academy of Rome, war Komponist Charles Mason. Seine akustische Begleitung des Films setzt sich aus drei Sequenzen von insgesamt acht Minuten zusammen, die den Film in Wiederholung begleiten.

Interessanterweise schuf Mason diesen spannungsreichen Soundtrack, ohne das Video zu kennen. Er nahm die Geräusche vom Wind, dem Geschrei der Stare, ihr Geflatter auf und veränderte es künstlerisch am Computer.

Alle drei Künstler ließen sich ganz unterschiedlich von dem gewaltigen Naturschauspiel in der einfallenden Dämmerung über Rom faszinieren.

Alex Schweder hat sein Kunstwerk einem geschichtlich besonderen Raum des Gutshauses angepasst. Er beherbergte zu DDR-Zeiten einen Kindergarten. Seit der Eröffnung des Kranich-Museums am 24. September 2011 kamen häufig
ältere Besucher, um sich dort an ihre Kinderzeit zu erinnern. „Sie freuten sich jedesmal, dass das Wandbild von den zwei Hirschen vom Hausschwamm verschont geblieben war und noch auf sie herabblickte“, sagt die Eigentümerin des Gutshauses, Dr. Bettina Klein. Die Künstler haben in ihrer verschmitzten Art einen kleinen Kranich dazu gemalt. „In diesem Raum ist nun durch die meditative, künstlerisch anspruchsvolle Installation von Alex Schweder eine ganz besondere, dichte Atmosphäre entstanden“, sagt Bettina Klein.

Alex Schweder lebt und arbeitet in New York. Ausgebildet am berühmten Pratt Institute in Princeton, hat sich Schweder schon früh mit Performance und Architektur, auch der Symbiose von beidem, „performance architecture“
beschäftigt. Der US-Amerikaner ist Hessenburg seit Anfang 2011 eng verbunden. Er plante und kuratierte das Kranich-Museum. Im vergangenen Jahr begannen unter seiner Leitung die Arbeiten am Kranich-Hotel, das ebenfalls im Gutshaus etabliert ist. Im Mai 2015 wurde es eröffnet.

Kranich-Museum: geöffnet freitags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr

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