Wilma Welzel - OZ Ribnitz-Damgarten

Wieder Lebens ins Dorf gebracht

Wieder Leben ins Dorf gebracht
Der Artikel im Detail

In gemütlicher Kaffeerunde sitzen vier Frauen des Dorfes im gepflegten Gutspark unter alten, ehrwürdigen Bäumen zusammen. „Ja, schön ist es hier. Das haben wir Bettina Klein zu verdanken“, sagt Ruth Kleinke (84), die zweitälteste Einwohnerin von Hessenburg, in dem 115 Einwohner leben. „Sie war für unser Dorf ein Glücksfall“, betont sie und Barbara Zellmer (72) ergänzt. „Wie eine Glücksfee kam sie Ende der 1990er Jahre in unseren Ort und hat aus der Gutsanlage etwas Wunderbares, Lebendiges geschaffen.“ Christel Kleinke (81) nickt zustimmend. „Wir schätzen sie deshalb sehr, alles will sie aus früheren Zeiten wissen. Ganz einfach lebt sie in ihrem kleinen Häuschen im Gutshof. Ja, sie ist eine von uns“, sagt sie und schaut lächelnd Bettina Klein an

Hessenburg führte die drei Frauen und die promovierte KunsthistorikerinDr. Bettina Klein (68) zusammen. Während die Gutshofbesitzerin erst nach der Wende das kleine, verträumte Dorf inmitten einer von Wasser, Wiesen und Wald geprägten Landschaft entdeckte, verschlug die Flucht aus Hinterpommern vor 70 Jahren die drei Seniorinnen mit deren Familien hierher. „Viele Flüchtlinge wurden damals im Gutshaus einquartiert“, erinnert sich Ruth Kleinke. „Wir wohnten mit neun Personen zuerst in der Rollstube des Gutes, schliefen auf Strohsäcken. In der Rollstube wurde eigentlich die Wäsche in einer Wäschemangel glatt gebügelt, nun war sie unser Zuhause. Später im Zuge der Bodenreform bekamen wir eine Siedlung mit fünf Hektar Land, wie auch Christel Kleinke und Barbara Zellmer.“

Das Dorf sei damals nicht sehr weit entwickelt gewesen: kleine Häuser, keine feste Straßen, die bei Regen aufweichten, so Christel Kleinke. „Wir hatten nicht mal Gummistiefel, so arm waren wir nach der Flucht. So konnte ich bei Regenwetter nicht auf der Straße nach Saal zur Schule gehen, weil ich im Schlamm bis zu den Knöcheln versank. Also ging ich dorthin über Staben auf den Bahnschienen der Kleinbahn, die von Damgarten nach Barth führte.“ An ihre
Schulzeit hat sie nur gute Erinnerungen, vor allem an ihren damaligen Direktor Rönspieß. „Er war gerecht und konnte alles sehr gut erklären, ich habe viel bei ihm gelernt.“

Im Dorf habe es zu dieser Zeit viele Kinder gegeben, meint Barbara Zellmer, deren Tante Ida Klose schon seit 1932 im Dorf lebte und als Sekretärin der Gutsherrin von Hesse arbeitete. Die Gutsanlage sei noch intakt gewesen. „Als Kinder hatten wir hier so viele Freiheiten. Aber wir mussten auch bei der Arbeit in der Wirtschaft tüchtig zupacken. Wenn wir von der Schule nach Hause kamen, lag schon ein Zettel mit zu erledigenden Aufgaben da, wie Rüben verziehen oder
Kartoffeln herausholen. Das war selbstverständlich. Später führten meine Eltern etwa 15 Jahre lang die Gaststätte im Gutshaus.“

Einmal im Jahr sei ein Schwein geschlachtet worden, weiß Ruth Kleinke zu berichten. Das habe dann für ein Jahr reichen müssen. „Auch an das Federn schleißen im Januar erinnere ich mich gern. Dazu trafen sich immer die Frauen am Abend und erzählten viele Geschichten.“

Einen großen Zusammenhalt habe es damals gegeben. So wurde Hessenburg für sie zur Heimat. Leider seien nach der Wende Versorgungseinrichtungen, wie Konsum oder Post weggefallen, bedauert die Seniorin. „Aber Vieles im Dorf hat sich zum Guten entwickelt. So ist die Gutsanlage zu einem Schmuckstück im Dorf geworden. Hier ist nichts eingegrenzt. Neue Häuser entstanden und ein Dorfgemeinschaftshaus, wo wir uns regelmäßig treffen, einen Kosmetiksalon gibt es. Und Versorgungswagen kommen mit Lebensnotwendigem ins Dorf.“ Die Feuerwehr mit seinem Gemeindewehrführer Thomas Kleinke hilft bei der Durchführung von Festen. Diese feiern mittlerweile Kinder, Enkel und Urenkel der drei Seniorinnen mit. „Schön ist, dass mein Sohn Thomas unser Haus ausgebaut hat, nun
lebt er hier“, erklärt Christel Kleinke. „Und auch bei anderen Familienleben mehrereGenerationen zusammen. So bleibt unser Dorf jung.“ Bettina Klein, die sich vor Jahren sofort in das Dorf und in die Gutsanlage verliebt hatte, setzte in Hessenburg ihre Vision von einem touristischen Anziehungspunkt im Hinterland der Ostsee um. Hier ist
sie heimisch geworden und gehört zur Dorfgemeinschaft: „Gern lebe ich hier in diesem schönen Ort in seiner ursprünglichen, intakten Natur mit seinen wunderbaren Menschen.“

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